Uralte Tradition im Grabfeld

Zum fünften Mal stöberten neugierige Besucher durch die Werkstätten in Römhild und Haina.

Vorsichtig drückt Peter seine kleinen Hände in den feuchten Ton. Erst höhlt der Fünfjährige den Klumpen aus, dann klettert die Masse wie von Zauberhand gleichmäßig zwischen seinen Fingern hinauf.

Römhild/Haina – Vorsichtig drückt Peter seine kleinen Hände in den feuchten Ton. Erst höhlt der Fünfjährige den Klumpen aus, dann klettert die Masse wie von Zauberhand gleichmäßig zwischen seinen Fingern hinauf. Da staunt nicht nur sein Vater Rico, bei so einem viel versprechenden Nachwuchs glänzen auch die Augen von Markus Weingarten. Der Römhilder Töpfermeister räumte am Samstag und Sonntag bereitwillig seine Drehscheibe, um den Besuchern am nunmehr fünften „Tag der offenen Töpferei“ einen handfesten Eindruck von seinem kreativen Handwerk zu geben. Nach wenigen hoch konzentrierten Minuten ist Peter zufrieden mit seinem Werk. „Das wird eine Gummibärchenschale“, verkündet er. Und welche Glasur nach dem Brennen darauf soll, steht natürlich auch schon fest: „Grün!“ Doch der Tonschale steht noch eine weite Reise bevor, bis sie bei Peter und seinen Eltern die Wohnung im fernen Berlin schmückt. Dort stehen übrigens schon einige andere Arbeiten aus der Römhilder Werkstatt, die über den Umweg von Oma Vera aus Meiningen in die Hauptstadt gelangt sind.

Edelgard Damm aus Exdorf, seit 38 Jahren im Töpferhof Gramann, im Verkaufsladen des Hauses, hier mit der Kollektion "Liebesrausch". Foto: privat

Edelgard Damm aus Exdorf, seit 38 Jahren im Töpferhof Gramann, im Verkaufsladen des Hauses, hier mit der Kollektion „Liebesrausch“. Foto: privat

Eine Töpferei im Liebesrausch

Überhaupt waren am Wochenende viele Meininger in der Grabfeldstadt unterwegs. Während Peter nach getaner Arbeit die Auslagen des Werkstattladens unter die Lupe nimmt, schaut sich die siebenjährige Vivienne aus Meiningen mit ihrer Oma Karin Schalen, Tassen und Teller in der Werkstatt des Töpferhof Gramann an. Die ehemals größte Handtöpferei Europas war zum ersten Mal dabei beim „Tag der offenen Töpferei“ und auch heute erinnern sich Besucher wie Siegfried Ernst noch lebhaft an die bekannte Farb- und Formensprache aus Römhild. Da durfte die Frage nach den berüchtigten Sonnenblumen auf dem kräftigen blauen Grund natürlich nicht fehlen. Und tatsächlich, Töpfergesellin Ramona Grimm fand auf dem obersten Regalfach noch ein originales Tellerexemplar. Heute setzt der Töpferhof dagegen mehr auf den „Liebesrausch“, wie die rot-gelbe in Schütttechnik glasierte Kollektion liebevoll genannt wird.

Von solchen Farbtrends zeigt sich Töpfermeister Ingo Müller aus Haina wenig beeindruckt. In seiner urigen Werkstatt im scharfen Wind bestimmen erdige Töne die Auslagen. Was auf den ersten Blick vertraut wirkt, offenbart beim zweiten genaueren Hinschauen manch pfiffige Idee. So experimentiert der Handwerksmeister gerade mit großen, aber schlanken Formen für Cappuccinotassen. „Die Leute mögen große Tassen, verschätzen sich aber zu oft mit der Wassermenge und beschweren sich dann, dass der Cappuccino zu dünn schmeckt.“ Oft entstehen bei Ingo Müller aus solchen Beobachtungen Anregungen für Variationen, schließlich muss der praktische Nutzen der kleinen Tonkunstwerke immer mitbedacht werden. Wie viele Überlegungen, Arbeitsschritte und Techniken allerdings notwendig sind, um aus einem Klumpen Ton eine neue Kreation entstehen zu lassen, davon gibt der Hainaer beim „Tag der offenen Töpferei“ nur zu gerne Auskunft. Schließlich ist es die beste Gelegenheit, das alte Handwerk im modernen Gewand an authentischer Arbeitsstätte vorzustellen. Keramikfreunde wissen das zu schätzen, einige waren am Samstag sogar extra aus Apolda angereist, um dem Keramikmeister einmal in aller Ruhe über die Schulter zu schauen.

Über die Meisterschulter von Markus Weingarten dürfen Neugierige in der Römhilder Schautöpferei übrigens das ganze Jahr schauen. Unter strenger Beobachtung von Werkstattdackel Ella versteht sich, die Hundedame passt nämlich genau auf, welche Geheimnisse und Kunstgriffe ihr Herrchen in der gemütlichen Atmosphäre des Werkstattladens ausplaudert. Aber das „Handwerk zum Anfassen“ ist nur ein Reiz des Schaubetriebes, wie ihn auch Ingo Müller betreibt. Inspiriert von liebevollen Bemalungen, erdigen Glasuren und verspielten Dekors dürfen sich Schaulustige von den beiden Keramikmeister auch den ein oder anderen ausgefallene Sonderwunsch erfüllen lassen. Handgefertigte Unikate mit dem individuellen Extra – diesen speziellen Töpferservice weiß seit den Eröffnungen der Handwerksläden vor elf Jahren nicht nur die Kundschaft aus dem Grabfeld zu schätzen.

Alles Handarbeit

Getaucht, beschüttet, gemalt und bespritzt nach Wunsch wird seit gut einem Jahr auch wieder im Töpferhof Gramann. „Auf den Millimeter genau ist das allerdings nicht möglich, dafür ist es ja auch Handarbeit“, erklärt Ramona Grimm ihren aufmerksamen Zuhörern. Gut 30 Jahre sitzt die Keramikerin aus Behrungen nun schon an der Töpferscheibe, die meisten davon im Römhilder Töpferhof, wo sie gemeinsam mit Töpfermeister Ingo Müller einst ihre Ausbildung absolvierte. So schließt sich dann auch der Kreis in der kleinen Töpferstadt an den Gleichbergen, die sich nicht nur Dank der wieder ins Leben gerufenen Keramiksymposien mehr und mehr auf ihre uralte Handwerkstradition besinnt.

Von Susann Winkel

Quelle:
insuedthueringen

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