Die Farben sind’s, die das Lächeln zaubern

Töpferhof Gramann startete mit fünf Mitarbeitern noch einmal neu und setzt dabei auch aufs Internet.

Die Stimmung eines schönen Sommermorgens in den grauen November hinüber retten – das geht zum Beispiel mit Frühstückgeschirr in sonnigen Farben. Und wer mit solch einem Glücksgefühl in den Tag startet, tut auch was für seine Gesundheit.

Römhild – Die Stimmung eines schönen Sommermorgens in den grauen November hinüber retten – das geht zum Beispiel mit Frühstückgeschirr in sonnigen Farben. Und wer mit solch einem Glücksgefühl in den Tag startet, tut auch was für seine Gesundheit. Dass ein Mediziner deswegen aber gleich die Geschäftsführung eines Töpferhofes übernimmt, dazu bedarf es wohl vor allem einer langen Familientradition und eines Verantwortungsgefühls gegenüber den Menschen, die seit Jahrzehnten von der Töpferei leben und jenen, die die Arbeit dieser ausgezeichneten Handwerker mindestens ebenso lange zu schätzen wissen.

Knut Mai wohnt mit seiner Frau und seinen vier Kindern in Berlin. Der promovierte Mediziner hätte sich nie träumen lassen, dass er einmal den Töpferhof Gramann in Römhild weiterführen wird. Ein Kraftakt sei es schon, räumt der 37-Jährige ein. Und das zeitliche Problem sei überhaupt nur mit Hilfe der modernen Kommunikationsmöglichkeiten einigermaßen in den Griff zu kriegen. Eine künstlerische Ader habe er nie gehabt. “Aber es macht mir unheimlich Spaß jetzt das zu erhalten, was meine Familie hier über Generationen hinweg aufgebaut hat.”

Als ausgesprochen farbenfroh entpuppt sich der äußerlich graue Flachbau des Werksverkaufs im Innern. Knut Mai - hier mit Mitarbeiterin Doris König - führt den Töpferhof Gramann jetzt in der vierten Generation. Und das mit viel Freude.

Als ausgesprochen farbenfroh entpuppt sich der äußerlich graue Flachbau des Werksverkaufs im Innern. Knut Mai – hier mit Mitarbeiterin Doris König – führt den Töpferhof Gramann jetzt in der vierten Generation. Und das mit viel Freude. Foto: privat

Als Mediziner Spaß an Keramik

Mit dem Tod seiner Mutter Christina Gramann im Herbst vergangenen Jahres schien eine Ära beendet. Die Kontakte mit den Händlern und Kunden und nicht zuletzt der “harte Kern” der zuletzt nur noch recht kleinen Belegschaft habe ihn bewogen, das Unternehmen weiterzuführen als Töpferhof Gramann in Römhild GmbH. Seit Anfang des Jahres ist Gramann Keramik wieder auf den Messen von Leipzig über Villach und Hamburg bis Mailand vertreten. Auch der Online-Shop tut ein Übriges, die farbenfrohe Gebrauchskeramik in der Welt bekannt zu machen.

“Wir setzen vor allem auf das leuchtende Rot der Glasur, die meine Mutter kreierte und die seit vielen Jahren für hochwertige Keramik vom Töpferhof Römhild steht”, betont Knut Mai. Gemeinsam mit einem Designer werden neue Produkte entworfen von Weihrauch-Gefäßen für die Esoterik-Branche bis zu Weinkelchen oder lustigen Sparelefanten. Alles handgedreht versteht sich.

“Unsere Freihand-Dreherinnen sind unser Kapital. Auf den ersten Blick sieht ein Stück aus wie das andere und doch ist jedes ein Unikat”, erklärt der Geschäftsführer. Fünf fest angestellte Mitarbeiterinnen hat der Töpferhof derzeit, und seit Ende Oktober auch einen Auszubildenden. “Wir sind bereit, die Kapazitäten unseres kleinen Betriebes jederzeit zu erweitern, wenn die Nachfrage da ist.”

Die Töpfertradition in Römhild reicht bis 1720 zurück, mit dem Namen Gramann ist sie mittlerweile seit fast hundert Jahren verbunden. Der Urgroßvater von Knut Mai, Karl Gramann, übernahm zu Beginn des letzten Jahrhunderts die Töpferei in der Grabfeldstadt und baute in den 30er Jahren seinen Betrieb am heutigen Standort auf. Als gelernter Bildhauer strebte er damals schon weg von der Massenproduktion hin zu individuellen Produkten mit künstlerischem Anspruch.

Ramona Grimm gehört zu den fest angestellten Freihand-Dreherinnen des Töpferhofes.

Ramona Grimm gehört zu den fest angestellten Freihand-Dreherinnen des Töpferhofes.
Foto: privat

Größte Handtöpferei Europas

1948 übernahm sein Sohn Siegfried Gramann als Töpfermeister den Betrieb und schrieb die Erfolgsgeschichte weiter. 1967 wurde der erste Anbau geschaffen, Halle um Halle folgte. Der inzwischen als VEB Töpferhof Römhild verstaatlichte Betrieb entwickelte sich unter seiner Leitung zu Europas größter Handtöpferei mit mehr als 300 Mitarbeitern. 60 Freihand-Dreher und -Dreherinnen formten die unterschiedlichsten Gefäße, die im Keramik-Studio des Unternehmens entworfen wurden. Vor allem als Devisenbringer für den Export in die BRD, die USA, Japan, Norwegen und Osteuropa. Wer in der DDR ein Stück Gramann-Keramik erstehen konnte, wusste sich glücklich zu schätzen.

Auf die Initiative von Siegfried Gramann gehen auch die Keramik-Symposien zurück, deren Tradition im vergangenen Jahr von der Stadt Römhild und einem eigens gegründeten Förderverein wiederbelebt wurde. Schon zu DDR-Zeiten nahmen daran Künstler aus den USA, Japan und vielen anderen Ländern teil.

Schwerer Neustart 1990

Nach der Wende kaufte Siegfried Gramann das immens gewachsene Familienunternehmen zu einem stattlichen Preis von der Treuhand zurück. Sein plötzlicher Tod 1991 zwang seine Tochter Christina Gramann das Steuer des Unternehmens in einer äußerst schwieriger Zeit zu übernehmen. Der gesamte Export brach ein. Die Betriebswirtin musste die Produktion auf ein Minimum reduzieren. “Meine Mutter hat die Umstellung vom rein ländlichen Design mit erdigen, braun-grünen Tönen auf fröhlich-strahlende Farben geschafft und damit die Marke Gramann über all die Jahre am Markt halten können”, sagt Knut Mai mit viel Anerkennung und Hochachtung in der Stimme. Und das umso mehr, als er seit knapp neun Monaten selber weiß, wie schwer das ist. Immerhin 150 Wiederverkäufer wie Geschenke- und Teeläden gibt es von der Ostsee über Berlin bis nach Sachsen. Übers Internet hofft Knut Mai auch im westlichen Teil der Bundesrepublik bekannter zu werden. Und das Konzept scheint aufzugehen.

Auf Messen wurden zudem Kontakte nach Österreich und in die Schweiz geknüpft. Auch Norwegen, die USA und Italien könnten bald zu den Kunden des Töpferhofes Gramann gehören.

Viel hat Knut Mai noch geplant. Zum Beispiel den Werksverkauf auf über 300 Quadratmetern Fläche völlig neu als Einkaufserlebnis zu gestalten. Manche Gebäude auf dem großen Betriebsgelände sind wohl nur noch abzureißen. Für andere ist eine weitere Nutzung angedacht. Auch gartengestalterische Pläne gibt es jede Menge. Es tut sich was im Töpferhof Gramann in Römhild. Und die Unterstützung der Stadt beim Neubeginn weiß Knut Mai zu schätzen.

Aus jedem Satz des 37-Jährigen spricht die Begeisterung für das, was er neben seinem anstrengenden Beruf in Berlin im Töpferhof in Römhild auf den Weg bringt. “Nur wer so viel Freude an der Sache hat wie ich, kann zwei solcher Jobs stemmen”, ist er sich sicher und kommt damit auch gleich wieder zur Philosophie seines Unternehmens. “Unsere Keramik soll Keramik für die Sinne sein, soll dem, der sie anschaut, ein Lächeln ins Gesicht zaubern.”

Oder anders gesagt: Auch an einem grauen Novembermorgen noch an den schönen Sommertag erinnern …

Von Waltraud Nagel

Quelle:
insuedthueringen

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