Auf dem Jakobsweg für Hobbytöpfer

Vier Töpfereien im Umkreis von vielleicht fünf Kilometern zeigten am Wochenende im Grabfeld, wie aus grauem oder gelblichem Ton Teller, Vasen oder Tassen entstehen.

Römhild/Haina – Samstagvormittag 11 Uhr. Grau in grau zeigt sich der Himmel über dem Grabfeld. Ganz selten einmal verirrt sich ein Sonnenstrahl durch die Wolkendecke. „Vielleicht liegt es ja wirklich am Wetter, dass noch nicht so viel los ist“, rätselt Ingo Müller. Seine Töpferei im „Scharfen Wind“ in Haina ist eine der vier Werkstätten im Landkreis, die an diesem Wochenende zum deutschlandweiten Tag der Töpferei besucht werden konnte. Zwar liegt seine Werkstatt ein wenig ab vom Schuss. Aber sie ist gut ausgeschildert und die Besucher, die an diesem Wochenende unterwegs sind, suchten die Töpfereien ohnehin gezielt auf, meint Müller. Im vergangenen Jahr sei ab Mittag jedenfalls ordentlich was los gewesen.

Der Töpfer Ingo Müller dreht in seiner Werkstatt in Haina eine große bauchige Vase. Im Spiegel kann er das Werkstück einfacher überprüfen. Foto: C. Hoppe

Der Töpfer Ingo Müller dreht in seiner Werkstatt in Haina eine große bauchige Vase. Im Spiegel kann er das Werkstück einfacher überprüfen. Foto: C.Hoppe

Lust auf Frühling

In seinem Hof macht der Handwerker Lust auf den Frühling und auf Ostern. In Blumentöpfen mit Frühblühern und kleinen Moosballen tummeln sich Igel und Osterhasen. Und natürlich Ostereier in verschiedenen Größen und mit dezenten Farbspielen. In seiner offenen Werkstatt kann man Müller beim Drehen zuschauen. Große Vasen und Gefäße sollen unter seinen Händen auf der Scheibe entstehen. Das Groß-Drehen könne nicht jeder. „Zum einen ist da die Technik, die man beherrschen muss“, meint Ingo Müller. Auf der anderen Seite stehe das Problem der Masse. Für einen größeren Wasserkübel benötige er zwölf Kilo Ton – allein für den Boden.

Der Töpfer hat diese Techniken während seiner Walz kennen gelernt. Ab 1987 ist Müller im Land unterwegs gewesen. Heimlich, denn die Walzerei war in der DDR verboten. „Auf einen Brennofen musste man genauso lange warten wie auf einen Trabi“, sagt Ingo Müller. Nach Mecklenburg hatten sich damals viele Töpfer zurückgezogen und ihre eigenen Öfen gebaut. „Untereinander wusste man, wer jemanden nimmt, bei wem man lernen und arbeiten konnte“, erinnert sich Müller. Unterdessen hat er, während des Erzählens auf der Scheibe einen unscheinbaren grauen Klumpen Ton zu einer bauchigen Bodenvase hochgezogen.

„Ich versuche hauptsächlich Sachen herzustellen, die einen Gebrauchswert haben. Ich bin schließlich Handwerker und kein Künstler“, sagt Ingo Müller. Bei ihm kann man auch einmal in die Eimer mit der Glasur schauen, die später seinen Gefäßen die richtige Farbe verleihen soll. Und die sieht man dem Gemisch nun wirklich nicht an. Ein feiner Schlamm hat sich am Boden abgesetzt. Grau sieht er aus. „Das gibt einen Blauton“, sagt Müller und erklärt, dass Metalloxide unter den Temperaturen des Brennofens für die Färbung sorgen.

Besucherin Mechthild Schüler arbeitet zum ersten Mal an einer Töpferscheibe. Mit ihrer Schale nimmt sie an Markus Weingartens Töpferolympiade teil. Foto: C. Hoppe

Besucherin Mechthild Schüler arbeitet zum ersten Mal an einer Töpferscheibe. Mit ihrer Schale nimmt sie an Markus Weingartens Töpferolympiade teil. Foto: C. Hoppe

In Markus Weingartens Töpferei in Römhild stehen am Nachmittag die Gäste Schlange, um selbst einmal Hand anzulegen. Für den guten Zweck und aus Ehrgeiz. Für einen Obolus von zwei Euro kann sich jeder Gast an der Töpferolympiade beteiligen. Aus einem halben Kilo Ton soll ein möglichst hohes Gefäß gedreht werden. Knapp 33 Zentimeter ist die schmale Vase hoch geworden, die der Fachmann zur Anschauung und zum Ansporn selbst gefertigt hat. Mehr als 20 verschiedenartige Gefäße stehen bereits im Regal, als Mechthild Schüler sich an der Töpferscheibe versucht. Aus ihrem Klumpen Ton entsteht eine Schale. „Ich habe noch nie an der Scheibe gearbeitet“, sagt die Gleichambergerin hinterher. „Wir kommen eigentlich jedes Jahr hierher“, sagt sie. Es sei schön, ganz in Ruhe zuschauen zu können und eben auch einmal selbst zu probieren. Auch zum Kaufen seien sie gekommen. „Wir haben für Ostern etwas gesucht“, sagt sie. Viele der Gäste halten Ausschau nach einem schönen Stück. Für die Töpfer sind diese Tage meist auch gute Geschäftstage. „Allgemein ist es aber auch schön, dass die Leute mal wieder sehen, dass bei uns alles handgemacht ist“, sagt Markus Weingarten. Der begrüßt in seiner Schauwerkstatt auch viele Hobbykeramiker, die sich einen Tipp holen wollen, oder eben dem Könner auf die Finger schauen.

Wie Ingo Müller bestätigt auch Markus Weingarten, dass die räumliche Nähe der Töpfereien zu diesem speziellen Tag von Vorteil ist. „Das haben mir schon Leute aus Apolda gesagt, dass sie aus diesem Grund hier zu uns gekommen sind“, sagt Müller. „Das ist der Jakobsweg für Hobbytöpfer, hat mir mal einer gesagt“, erinnert sich Weingarten mit einem Lachen.

Im Töpferhof Gramann berät Prokuristin Manuela Spittel (li.) das Meininger Ehepaar Selmons. Foto: C. Hoppe

Im Töpferhof Gramann berät Prokuristin Manuela Spittel (li.) das Meininger Ehepaar Selmons. Foto: C. Hoppe

Auch zum Töpferhof Gramann sind weit gereiste Gäste gekommen. Das Ehepaar Baumeister hat sich auf der Fachmesse „Ambiente“ von Design und Dekor der Grammannschen Töpferwaren überzeugt. „Wir werden Vertriebspartner“, erzählt das Ehepaar.

Neue Vertriebspartner

Sie führen in Königswinter bei Bonn ein Geschäft für Haushaltsgeräte und Haushaltswaren und werden künftig ihr Sortiment mit Keramik aus Römhild erweitern. „Die Qualität stimmt, die Farben gefallen uns. Und es ist uns wichtig, dass die Produkte aus einem Handwerksbetrieb kommen“, sagt Susanne Baumeister.

Dazu kommt, dass der Töpferhof Gramann einen guten Namen hat. Das Unternehmen gibt es in Römhild seit 1720. Der gute Ruf, des Töpferhofes hat auch das Ehepaar Selmons aus Meiningen hinüber ins Grabfeld gelockt. „Der Töpferhof hat für uns eine besondere Bedeutung. Als Kinder und Jugendliche sind wir schon hier gewesen“, sagen die Eheleute. Sie haben die Gelegenheit genutzt, sich die Werkstatt anzuschauen. Und das verleite natürlich auch zum Kaufen, sagen sie schmunzelnd. Für Tassen und Teller sowie einen Kerzenständer haben sie sich entschieden mit einem auffälligen orange-grünen Dekor. Kräftige und leuchtende Farben überwiegen derzeit im Laden des Töpferhofes. Knallige Rottöne, leuchtendes Orange erhellen an allen Ecken und Enden den Raum. „Gute-Laune-Keramik“ nennt Gramann die Serie. Neben Tellern, Kannen, Krügen und Tassen fallen auch Quiche- und andere Backformen ins Auge. „Am Kochboom kommen wir nicht vorbei“, sagt Manuela Spittel, Prokuristin des Unternehmens. Dieser Trend habe auch den Töpfern gut getan. „Es ist die Lebensart, wieder selbst zu kochen, sich mit gutem Essen auseinander zu setzen. Und dazu gehört eben auch gutes, besonderes Geschirr und Zubehör“, erklärt Manuela Spittel.

Der Clou an Simone Grassmanns Produkten: Als Farbe verwendet sie auch den roten Lehm aus den Wänden ihres Fachwerkhauses. Foto: C. Hoppe

Der Clou an Simone Grassmanns Produkten: Als Farbe verwendet sie auch den roten Lehm aus den Wänden ihres Fachwerkhauses.
Foto: C. Hoppe

Lebensart und Lebensfreude ist es auch, die man den Produkten von Simone Grassmann aus Sülzdorf ansieht. Auch die sollen Spaß machen: „’s is noch e Ä ü“ verkündet ein Eierbecher oder „Bin bei de Nachbere, ’s ko Gedauer“, tröstet ein Keramikschildchen für die Tür. Grassmanns Arbeiten merkt man ebenfalls das Fach an. Die Sülzdorferin hat nämlich einst Porzellanmalerei gelernt. Ihre Stücke sind daher meist farbenfroh bemalt mit pastelligen Tönen. Kindergeschirr zeigt lustige Tierfiguren. Handgemalte Ringel umwinden die Kaffeetassen. „Wer frühs nicht so richtig aus den Puschen kommt, dem gelingt es mit einem fröhlichen Frühstücksgeschirr vielleicht besser“, meint Simone Grassmann.

Neckische Details

„Wir sind sehr offen für Farben“, meint das Ehepaar Bantz, dass sich im Laden von Simone Grassmann umschaut. Die kleinen neckischen Details gemischt mit der Grabfelder Mundart, das gefällt den Meiningern. „Wir waren auch schon im Töpferhof und haben uns die anderen Töpfereien angeschaut“, sagt Joachim Bantz. Das Ehepaar habe noch sehr viel Gramann-Keramik zu Hause. „Die Töpfer hier sind sehr vielseitig“, lobt Joachim Bantz. „Aber an solchem Tag brauchen sie ja nicht nur Seh-Leute sondern vor allem Kauf-Leute.“ In der Werkstatt von Simone Gramann gibt es aber noch viel mehr zu entdecken als ihre Malerei und ihre Keramik. Denn eigentlich ist das Häuschen fast ein kleines privates Museum. Das alte Fachwerk hat die Sülzdorferin selbst saniert. „Einen Teil des roten Lehmes verwende ich heute als Farbe.“ Viele Zeugnisse ihrer Vorfahren hat sie zusammengetragen und ausgestellt. Auch vor dem Haus ist ein kleiner Marktstand aus Holz und Leinen aufgebaut. Die ganze Familie ist da und hilft bei der Versorgung der Gäste.

Auch wenn der Tag der Töpfereien gerade dazu einlädt, sich in den Werkstätten umzuschauen, die Töpfer sind das ganze Jahr über an ihren Scheiben zugange. Und ein Besuch lohnt sich zu jeder Zeit.

Von Cornell Hoppe

Quelle:
insuedthueringen

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